Mittwoch, 24.10.2018 05:36 Uhr

Neue Ideen für ein altes Projekt

Verantwortlicher Autor: Riesenberg Berlin, 23.05.2018, 11:43 Uhr
Presse-Ressort von: Dieter Kurt Bericht 5189x gelesen
Wer hat den größten Nutzen durch die eGK - die Frage bleibt
Wer hat den größten Nutzen durch die eGK - die Frage bleibt  Bild: Montage: Riesenberg

Berlin [ENA] Eigentlich handelt es sich bei der Elektronischen Gesundheitskarte um ein kleines, unscheinbares Plastikkärtchen, von denen heutzutage auch viele andere in den Taschen der Bürger vorhanden sind. Allerdings steckt hinter dieser Karte ein Milliardenprojekt, welches dem Ziel noch hinterher hinkt.

Dass größere Projekte aller Art, die sich vor allem in der Planungs- und Durchführungsphase über einen längeren Zeitraum erstrecken, im Ergebnis die ursprüngliche Kostenschätzung weit übertreffen, ist selbst für den "Normalbürger" heutzutage keine Überraschung mehr. Dafür haben in jüngerer Vergangenheit u.a. die Elbphilharmonie, der Berliner Flughafen und auch das Projekt Stuttgart 21 gesorgt. Allerdings trifft die Nutzung dieser Beispiele im Verhältnis zur Elektronischen Gesundheitskarte einen vergleichsweise kleinen Teil der Bevölkerung. Bei der eGK sind schließlich alle in den gesetzlichen Krankenkassen versicherten Bürgerinnen und Bürger betroffen - also mehr als 70 Millionen Menschen in Deutschland.

Nun ist die eGK oder auch E-Card bereits seit 2003 im Gespräch und sollte ihren Einsatz schon 2011 erfahren. Dass der erfolgreichen Inbetriebnahme u.a. Finanzierungsprobleme, Datenschutzrichtlinien und der Widerstand der betroffenen Personen entgegenstanden, ist hinlänglich bekannt. Jetzt wurde in der letzten Fassung des § 291 a des SGB V vom 17. August 2017 noch einmal verbindlich festgelegt, dass der Termin zur Schaffung aller Voraussetzungen der 31.12. 2018 sein soll. Zur laufenden Finanzierung der Gesellschaft für Telematik wurde verbindlich (aber anpassungsfähig) festgelegt, dass durch den Spitzenverband Bund der Krankenkassen jährlich ein Euro pro Mitglied der Krankenversicherung bereitgestellt wird - also gesamt ca. 70 Mio. Euro.

Diese Terminstellung war aber keinesfalls der Auslöser für zielgerichtete Aktivität zur Durchsetzung in die Praxis. Bereits Anfang des Jahres wurde bekannt, dass die erforderliche Hardware bisher nur von einem Anbieter bereitgestellt werden kann, jedoch auch nicht termingerecht und in ausreichender Menge. Selbst dem Laien kämen bei solch einer Monopolstellung Zweifel über einen fairen Wettbewerb der Hersteller. Noch dubioser wird es bei der Verkündung, dass die betroffenen Ärzte die notwendigen Hardware- und Installationskosten - abhängig von ihrem Einstiegsbeginn - teilweise selbst tragen sollen. Eigentlich sind die freiberuflich tätigen Ärzte und Zahnärzte ja gewohnt Kosten zu tragen, die in den Krankenkassen eingespart werden.

Um dies zu veranschaulichen, muss man etwas in die Vergangenheit zurückblicken, in die Zeit , als es noch den "Krankenschein" gab. Klingt alt, war aber bis Ende 1995 der typische Krankenversichertennachweis. Zur Abrechnung der Leistungen auf den Krankenscheinen war ein hoher personeller Aufwand erforderlich, der durch die Kassenärztlichen Vereinigungen gewährleistet werden musste. Immer mehr Ärzte erkannten die Vereinfachung des Abrechnungsaufwandes durch die Verarbeitung der Daten auf dem PC und vor allem den leserlichen Ausdruck auf den Krankenscheinen. Die Mitarbeiter in den Abrechnungsstellen wurden entlastet, da sie nicht mehr problematische Handschrifterkennung durchführen mussten.

Dies erkannten schnell auch die zahlreich entstandenen Softwarefirmen. Oftmals wurden Gesamtpakete von Hard- und Software angeboten, die sich zu diesem Zeitpunkt noch auf einem sehr hohen Preisniveau befanden. Die Kosten trugen allein die Ärzte, den Nutzen teilten sich aber Kassenärztliche Vereinigungen, Krankenkassen und auch Patienten. In der Folge kam es zu einer stark anwachsenden Zahl von Software-Firmen, die eine sehr gute Basis für eine effiziente, ertragreiche Firmenentwicklung witterten. Und diese Entwicklung ist ungebrochen. Obwohl die Daten für die Leistungsabrechnung rechtlich festgelegt, begrenzt und kontrolliert werden, wird das individuelle EDV-Angebot immer größer. Warum eigentlich?

Alle zugelassenen Praxisprogramme müssen ein Prüfmodul enthalten, dass die gesetzlich vorgegeben Parameter plausibel vorprüft. Somit wäre es eigentlich an der Zeit, dass die Krankenkassen allen Ärzten und Zahnärzten bzw. in ihrem Auftrag an der medizinischen Betreuung teilnehmenden Personenkreis, eine einheitlich standardisierte Software zur Verfügung stellen sollte. Bei der Erfassung- und Verarbeitung medizinischer Daten ist der Rahmen ohnehin für jeden Beteiligten sehr eng gesteckt. Auf dieser Basis wäre eine Einbindung elektronischer Erfassungshilfen, wie z.B. die Elektronische Gesundheitskarte, wesentlich einfacher. Die Ärzte hätten den Nutzen einer erhebliche Kosteneinsparung und höheren Effektivität.

Einen Aufschrei würde es jedoch in der IT-Branche geben. Gerade hier werden gegenwärtig höchste Gewinnmargen erzielt, da stellt eine Entscheidung für eine eigentlich logische Softwarevereinheitlichung eine starke Bedrohung dar. Nach der neuen Terminvorgabe für den 31. 12. 2018 wird nun erneut Widerspruch laut. Nachdem sich zusätzlich noch der Gesundheitsminister Spahn in die Diskussion einschaltete und irgendwie voreilig die eGK als bereits "veraltet" bezeichnete, ging der nächste Aufschrei durch die Reihen. Spahn ruderte zurück und bekannte sich zu "lebensnahen und nicht technikverliebten Lösungen". Mittlerweile ist eine konsequente Durchsetzung eines Vorhabens schon eine Seltenheit. Auch bei den Ärzten regt sich erneut Widerstand.

Der Autor hat die Geschichte der Entwicklung verfolgt und ist sich sicher, dass der 31.12.2018 beim gegenwärtigen Stand ein sehr ambitioniertes Ziel ist. Da sehr viele Interessengruppen und auch wirtschaftliche Zielstellungen irgendwie zusammengebracht werden müssen, bleibt zu hoffen, dass es nicht zu einer "never-ending-story" wird, wie der BER. Womit wir wieder am Anfang wären.

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